Friedliche Revolution in sieben Akten

Erster Akt: Vom Suchen und Finden

Der Fichtenwirt war die letzte Stub´n im Lesachtaler Maria Luggau. Nach dem jähen Ableben des Rupert Obernosterer im Jänner vergangenen Jahres beschloss seine Frau Heidi mangels Nachkommen ein Jahr später schweren Herzens, die Gastwirtschaft aufzugeben. So stand die Gemeinde Lesachtal vor der großen Herausforderung, geeignete Pächter*innen zur Übernahme des einzig verbleibenden Lokals in Maria Luggau zu finden. Aus der Region sollten sie kommen, die Leut´ und die regionale Küche versteh´n eben. Doch mehrere Monate vergingen und trotz größter Anstrengungen konnten keine geeigneten Nachfolger*innen gefunden werden. Niemand konnte erahnen, dass bald eine unverhoffte Erscheinung in Form einer jungen Wirtin aus der Stadt das Lesachtal gehörig auf den Kopf stellen würde.

Doch das Lesachtal fand seine neue Wirtin nicht, eher fand sie das Lesachtal. Es war ein stürmischer Herbsttag, als es Ines Sommer durch Zufall in Form einer Verkehrsumleitung ins Lesachtal verschlug. Auf halbem Weg durchs Tal hielt sie in Maria Luggau, um sich mit einem schnellen Kaffee zu stärken. Ines trank ihren Kaffee an der Hotelbar und ließ ihren Blick über das Tal schweifen. Es war der Inbegriff von Idylle. Doch ihr Blick blieb jäh an einem Gebäude auf der anderen Straßenseite hängen. Die einzige Gastwirtschaft des Ortes wirkte mit ihren zugezogenen Vorhängen und dem verblichenen Anschlag alles andere als lebendig. Schade, dachte sie, dass es in so einem Ort kein Gasthaus mehr gibt. Plötzlich schoss ihr ein geradezu irrsinniger Gedanke durch den Kopf. Eine eigene Gastwirtschaft war immer Ines´ Traum gewesen. Kurzerhand kritzelte sie einige Worte und ihre Telefonnummer auf einen Notizzettel und warf ihn in den Briefkasten am Gemeindeamt. Wieder zurück in Wien, erreichte sie drei Tage später ein Anruf aus Maria Luggau.

Zweiter Akt: Erste Annäherungen

Es war ein grauer Montagmorgen im November, als die neue Wirtin die über der Gaststube liegenden Wohnräumlichkeiten in Maria Luggau bezog. Interessiert lugten einige Dorfbewohner*innen hinter ihren Vorhängen hervor, andere registrierten ihre Ankunft lediglich mit einem Schulterzucken. In Wien war die gelernte Köchin nicht nur einmal für verrückt erklärt worden, ohne ausreichende Erfahrung einen Gasthof zu übernehmen – und das auch noch im hintersten Winkel Österreichs. „Fichtenwirt 2.0 – Regional, Saisonal, Phänomenal“ war ab sofort auf dem Schild über der Tür zu lesen. Tagesgericht Freitag: Vegane Kärntner Kasnudeln. Kein Fischgericht am Freitag? Vegane Kärntner Kasnudeln? Trotz erster Skepsis herrschte im Dorf Erleichterung über die Wiederbelebung des Fichtenwirt. Getrieben von einer Mischung aus Neugier und Mangel an Alternativen wagten sich schließlich auch die skeptischsten Bewohner*innen in Ines´ Stube. Wenn auch nicht alle sich mit der Speisekarte, die zur Hälfte aus veganen Gerichten bestand, anfreunden konnten, so herrschte schnell generelles Einverständnis über die gute Küche.

Dritter Akt: Die Wand

Doch dann kam es in einer Woche gleich zu mehreren – von einigen als seltsam empfundenen – Vorkommnissen: die neue Wirtin erschien, ohne Einladung, zum wöchentlichen Chortreffen und zur Probe des Musikvereins. Sie wolle sich aktiv am Vereinsleben beteiligen, könne den Chor als Sopran und den Musikverein als Klarinettistin verstärken. Die Wirtin erschien sogar bei der Gemeinderatssitzung. Sie habe sich stets politisch engagiert und wolle dies auch gerne hier im Lesachtal tun, da sie gedenke länger zu bleiben. Es ist nicht so, dass die Bewohner*innen die Anliegen der Wirtin nicht verstanden hätten. Einige freuten sich auch über das Engagement des Neuankömmlings. Aber üblicherweise wurden eher jene Leute Teil des Vereinsleben, die zumindest schon eine Weile in der Gegend lebten. Doch die sympathische Wirtin ließ sich nicht abschütteln und wurde so schließlich in beide Musikvereine aufgenommen. Im Gemeinderat jedoch zeichnete sich ein anderes Bild. Löblich fände man ihren Wunsch nach Engagement. Höflich aber bestimmt wurde ihr von den ausschließlich männlichen Gemeindepolitikern angeboten, sie könne sich ja nach der Pensionierung von Frau Maierhofer auf deren Posten als 2. Sekretärin des Gemeindeamtes bewerben. So wäre sie – ihrem Wunsch entsprechend – auch quasi direkt an der Realpolitik beteiligt. Zunächst hielt Ines dieses Angebot für einen schlechten Scherz. Doch als sie darüber diskutieren und ihr ernsthaftes Interesse betonen wollte, wurde ihr schnell klar, dass sie gegen eine Wand lief.

Vierter Akt: Der Ärger der Frauen

Einige Tage später saß sie mit Gabi Guggenbacher und Maria Maltschnig zusammen, die regelmäßig in den neuen Fichtenwirt kamen. Ines erzählte ihnen von ihrer Erfahrung im Gemeinderat. Maria seufzte, eine Zornesfalte trat auf Gabi´s Stirn. Seit Jahren wollten die beiden ein politisches Amt in der Gemeinde ausüben, wurden von der „Buberlpartie“ der Lokalpolitik aber kategorisch sabotiert und kleingeredet.

Auch wenn die Köchin sich durchaus willkommen im Ort fühlte, wurde sie nach diesem Gespräch nachdenklich. Wenn selbst die beiden Lesachtalerinnen sich seit Jahrzehnten vergeblich um Akzeptanz in der Lokalpolitik bemühten, wie sollte es ihr dann überhaupt gelingen, ernst genommen zu werden? Langsam aber stetig wuchs in ihr der Wunsch, etwas zu verändern.

Eine Woche später saßen Gabi Guggenbacher und Maria Maltschnig wieder einmal in Ines´ Stube. Doch sie waren nicht alleine; bei ihnen saß die alte Sissi Stadlober. Sissi wollte Zeit ihres Lebens, genauer seit dessen Gründung 1971, im männerdominierten Feitl-Club Liesing mitmachen. „Feitl auf!“, schrie sie unvermittelt und präsentierte stolz ihren lange einstudierten Feitl-Schwung, „Aber die Statuten besagen klar, dass nur Männer eintreten dürfen.“ In den nächsten Wochen wuchs die Runde stetig. Weitere Frauen gesellten sich dazu und berichteten von ihren frustrierenden Bemühungen, die ihnen selbstverständlichen Rollen als Mütter und Hausfrauen abzulegen. „Wenn es nur eine Ganztages-Kinderbetreuung in der Gegend gäbe, könnte ich mich endlich mit meiner Ausbildung zur Physiotherapeutin beginnen. Davon träum´ ich schon lange, aber ich bin ja regelrecht dazu gezwungen, daheim zu bleiben!“ klagte Anna Rainer. Ihr Mann hätte war Verständnis und wolle sie unterstützen, aber sein Arbeitgeber lasse keine Teilzeitmodelle zu. Immer mehr Frauen fanden sich zusammen, die sich entweder aus dem politischen Leben in der Gemeinde ausgeschlossen oder in ihren Wahlmöglichkeiten zwischen Kinderbetreuung und selbstbestimmtem Berufsleben eingeschränkt fühlten. Die Gruppe begann gemeinsam zu beraten, wie sie ihre Anliegen an die Verantwortlichen herantragen könnten. Die Vereine waren im Ort nicht nur der Mittelpunkt des sozialen Lebens, sondern verfügten darüber hinaus auch über weitreichenden Einfluss. Hier wollte man ansetzen, diese Strukturen als potentielle Hebel für Veränderung nutzen. Es sollte eine stille und friedliche Revolution werden, aber eine Revolution.

Fünfter Akt: Der Aufstand

In den darauffolgenden Wochen erschien die weiter wachsende Gruppe zu sämtlichen Vereinstreffen, zu jeder Gemeinderatssitzung. Lautstark trugen sie ihre Anliegen vor. Den Wunsch nach Kinderbetreuung, nach fairen und flexibleren Anstellungsmodellen, nach Überarbeitung der veralteten Vereinsstatute sowie nach gleichen Chancen in der Lokalpolitik. Zunächst erntete die Gruppe nur Kopfschütteln. Doch die Frauen dachten gar nicht daran aufzugeben und erschienen weiterhin hartnäckig zu jedem Vereinsevent. Einige Male passierte es sogar, dass noch während den Vereinstreffen oder Proben Vereinsmitglieder aufstanden und sich mit der Gruppe solidarisierten.

Nachdem nun über mehrere Wochen hinweg keine geregelten Vereinsaktivitäten mehr möglich waren, wurde eine große Krisensitzung vom Bürgermeister einberufen. Der Obmann des Feitl-Clubs Sepp Unterluggauer war außer sich: „In der ganzen Geschichte des Clubs gab es nur eine einzige Frau in unseren Reihen. Und die auch nur, weil´s ein rechtes Mannsweib is´! Wieso sollen wir uns da jetzt was sagen lassen von einer zugereisten Pflanzenfresserin aus der Stadt, die nicht einmal einen Mann hat. Und wo soll denn das hinführen, wenn da jetzt die Weiber daherkommen und mit gefährlichen Waffen herumfuchteln?“ Der Bürgermeister hatte bereits erkannt, dass man sich notwendigen Veränderungen würde stellen müssen. „Drei Wochen lang keine vernünftige Probe des Musikvereins – und das obwohl die Regionalmeisterschaften bevorstehen. Und im Gemeinderat konnten wir immer noch nicht über die neuen Zierblumen vorm Amtsgebäude abstimmen. Die Zustände im Ort sind untragbar. Wir müssen uns die Anliegen dieser Störenfriede anhören, wenn hier irgendwann wieder Frieden einkehren soll!“. Es wurde ein langer Abend hitziger Diskussionen. Die Argumente der Frauen überzeugten zwar auch die ein oder andere Einwohner*in vor Ort, doch fand sich stets ein g´standener Lesachtaler, der ihnen fadenscheinige Totschlagargumente entgegenzusetzen wusste. In dieser Nacht konnte keine Einigung erzielt werden.

Sechster Akt: Der Stillstand

Doch entgegen den Erwartungen Einiger, dass die Frauen nach diesem augenscheinlichen Scheitern ihre Aktivitäten einstellen würden, setzten diese die gezielte Sabotage des lokalen Vereinstreibens umso bestärkter fort. Zusätzlich wurden Flugzettel an alle Maria Luggauer Häuser verteilt, Mails verschickt und jene Frauen angerufen, bei denen bereits Interesse an den vorgebrachten Anliegen aufgeblitzt war. Die Botschaft war simpel: ab sofort sollten alle Maria Luggauer Frauen streiken. Nur einmal sollten die Männer spüren was es bedeutet, sich ohne Unterstützung um Haushalt und Kinder zu kümmern. Die Folgen des Streiks waren unmittelbar spürbar: Innerhalb von wenigen Tagen waren die Tiefkühl-Regale im örtlichen Spar leergeräumt. Rosi Prosegger´s Mann, so erzählte sie mit verschmitztem Lächeln, ernähre sich in seiner Verzweiflung seit einer Woche von Frankfurtern aus dem Wasserkocher. Dem Bürgermeister waren sämtliche Hemden in der Wäsche eingegangen, weshalb ihm nichts anderes übrig bleib, als im Fan-Pulli des Obergailtaler Sportclub – Kötschach-Mauthen zu einem Termin mit der Landesregierung zu erscheinen.

Siebter Akt: Der sanfte Umsturz

So musste kaum einen Monat nach der ersten Krisensitzung erneut eine solche einberufen werden. Die Männer des Ortes waren heillos überfordert mit den Aufgaben, die sie in den letzten Tagen hatten übernehmen müssen. Sie zeigten sich mehr als bereit dazu, den Frauen umfassende Zugeständnisse zu machen. Einige Gemeinderäte sahen sich der pointierten Kritik, die nun von einer großen Menge an Einwohner*innen vertreten wurde, einfach nicht gewachsen und traten noch an Ort und Stelle zurück. Doch die Stellen blieben nicht lange unbesetzt, denn mit überwältigend hoher Wahlbeteiligung wurden sogleich Gabi Guggenbacher, Maria Maltschnig und sowie die Ines Sommer als deren Nachfolgerinnen gewählt. Damit war der erste Grundstein für umfassende Maßnahmen und Reformen im Lesachtal gelegt: Von Ganztageskindergarten über Koch- und Erziehungskurse bis hin zur Karenzberatung für Männer und der Förderung von Arbeitszeitmodellen abseits von klassischen Vollzeitstellen.

Die Revolution im Lesachtal war vielleicht nicht das, was man sich weitläufig unter einer Revolution vorstellt. Aber für Kärntner Verhältnisse war das, was sich im vergangenen Jahr im Lesachtal zugetragen hat, tatsächlich revolutionär. Wenn auch zunächst friedlich erzwungen, hatte die Lockerung der Vereinsregeln ein langfristiges Umdenken der Bevölkerung zur Folge. Denn seither gibt es für alle Menschen, egal welchen Geschlechts oder welcher Herkunft, gleichberechtigte Zukunftschancen im Lesachtal.

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