Das Hoflabor. Das Haus erzählt seine Geschichte

Hoflabor

Hallo liebe Leserin, lieber Leser!

Schön, dass du dich für meine Geschichte interessierst. Aber ich muss dich warnen, ich bin ein sehr altes Haus und daher ist meine Geschichte ein bisschen länger.

Ich stehe in der schönen Ortschaft Obergail im Lesachtal und trage stolz die Hausnummer 10. Mein Erbauer hat mich im 13 Jhd. errichtet. Damals war ich aber noch nicht so groß wie heute. Es hat einige Jahre gedauert, bis ich errichtet wurde, da es schwierig war, das Gelände zu begradigen, damit ich an so einem steilen Hang sicher stehen kann.

Zu Beginn meines Daseins war ich ein Bauernhof und habe auf meine Familie und Tiere aufgepasst. Wenige Jahre später kam auch ein Stadel, schräg hinter mir dazu, mit dem ich über Rauchzeichen Geschichten austausche. Schon in jungen Jahren bekam ich den Vulgonamen „Marferhof“. Ich wurde im ganzen Tal bekannt, aufgrund der Tatsache, dass meine Familie sehr gute Gerichte kochen konnte und es immer viel Bier und selbstgemachten Schnaps gab. Diese Wirtshaustradition zieht sich bis zum heutigen Tag, durch.

Meine damaligen Besitzer*innen und auch die, die darauffolgten, haben sehr gut auf mich aufgepasst. Mein Dach wurde regelmäßig mit Holzschindeln erneuert, ich habe einen dritten Stock bekommen und mein bester Freund, der Stadel, wurde ausgebaut, wodurch er um einiges größer wurde als ich selbst. In den ersten Jahrhunderten meines Bestehens, wurde intensive Landwirtschaft rund um mich betrieben und der Stadel war einerseits das Zuhause für 20 Kühe, 5 Schweine und 8 Ziegen, andererseits Lagerraum für Landwirtschaftsmaschinen, Futter und alles andere, was meine Besitzer*innen aufheben wollten.

Mitte des 20 Jhd. hat sich dies aber drastisch geändert. Die Landwirtschaft wurde immer weniger, viele Leute zogen weg und ich, mein Freund der Stadel und zahlreiche andere Freund*innen im Dorf gerieten in Vergessenheit. So standen wir einige Jahre leer und verfielen langsam. Wir Häuser fühlen uns sehr traurig, wenn in uns keiner wohnt, denn diese Menschen, die durch unseren Bauch gehen kitzeln uns bei jedem Schritt ein bisschen und dies bringt uns immer ein Schmunzeln ins Gesicht.

2016 hat sich aber alles geändert. Helene sah ich als Kind oft um mich herumlaufen, da sie ein paar Häuser weiter bei einer guten Kollegin von mir aufgewachsen ist. Sie und ihr Freund haben mich gekauft und generalsaniert. Ich wurde zu einer wunderschönen, modernen Pension mit altem Charme ausgebaut. 2018 kam die kleine Franziska auf die Welt, endlich lebte wieder ein Kind unter meinem Dach. In den nächsten 20 Jahren kamen sehr unterschiedliche Gäste zu mir und ich habe so viele interessante Diskussionen gehört. Meine Besitzer*innen hatten so viele neue und großartige Ideen, so gab es bei uns Berg-, Ski-, Klettertouren, Yogakurse mit Ziege aber auch Slowfood Kurse, eine Sauna, einen Hottub und noch vieles mehr.

Im Jahre 2020 haben dann Pepi und Helene begonnen, meinen Freund, den Stadel auszubauen, was mich und ihn sehr freute. Allerdings war uns nicht ganz klar, warum. Die äußere Hülle blieb bestehen, aber Stadel erzählte mir, dass sich sein gesamtes Inneres verändert hatte. Wände, Böden und Dach wurden dick eingepackt und die Räume wurden neu eingeteilt. Pepi und Helene haben sich dafür mit einer Architektin aus der Region zusammengetan.

Ich weiß nicht genau was diese Architektin macht, aber sie hatte immer viele Pläne mit und kannte so viele Ecken von Stadel, dass ich sehr verwundert war. Im Erdgeschoß wurde der Stadel dann komplett ausgehöhlt und es befindet sich jetzt ein sehr großer Raum darin, in dem sich die Menschen treffen und oft sehr viel Alkohol trinken. Was auch immer das ist.

Im Stockwerk darüber befinden sich viele Tische, an denen die Menschen tagelang sitzen und in ihre seltsamen Plastikbücher schauen. Diese Bücher sind sehr interessant, da sie Elektrizität brauchen, im Dunklen leuchten und für die Menschen offensichtlich lebensnotwendig sind, denn sie haben diese in allen erdenklichen Größen und tragen sie die ganze Zeit mit sich herum. In der obersten Etage gehen die Menschen dann zum Schlafen in ihren Zimmern und zum Essen in der großen Gemeinschaftsküche. Ich habe aber das Gefühl das es keine Tourist*innen sind. Die meisten, die zu mir kommen, sind sehr viel draußen und verfolgen verschiedenste Freizeitangebote. Im Stadel aber diskutieren die Bewohner*innen viel an großen Tischen und sitzen dann in kleinen Räumen über ihre Plastikbücher gebeugt. 

Pepi und Helene sind aber ganz stolz auf ihr Hoflabor (so nennen die Zwei Stadel jetzt). Stadel hat mir erzählt, dass sich die Leute mit „Hallo ich bin ein/e Student*in, Wissenschaftler*in, Unternehmern*in“ und vieles mehr vorstellen. Uns ist noch nicht ganz klar, was das bedeutet aber Plastikbücher spielen eine wichtige Rolle.

Wie Pepi einmal mit einem Freund über das Plastikbuch geredet hat, habe ich zugehört und erfahren, dass sie im Stadel das Konzept: „Arbeiten, wo andere Urlaub machen“ verwirklicht hat. Er und Helene wollten eine neue Form des Arbeitens in seine Gemeinde bringen, sodass Student*innen wieder vermehrt zurück aufs Land kommen würden. Denn viele Bauer*innen hatten Bedenken, dass, wenn ihre Kinder studieren gehen, sie wohl nie wiederkommen werden. Das Problem war aber nicht, dass sie nicht nachhause wollten, es gab einfach nicht die nötige Infrastruktur für sie, um zuhause zu arbeiten. Der Fokus liegt bei dem Projekt auf der Naturverbundenheit, die Leute aus dem städtischen Kontext zu reisen und sie dadurch zu neuen Denkanstoßen zu motivieren. Pepi meinte, dass durch das Open-Space-Konzept viel Interaktion zwischen den dort Arbeitenden erzeugt wurde. Weiters sagte er, dass das Konzept am Anfang von vielen sehr belächelt und nicht ernst genommen wurde, aber Pepi und Helene nahmen das nötige Geld in die Hand, haben Stadel so zu einem supercoolen Hoflabor gemacht und nun möchte jede*r in ihm wohnen und arbeiten.

In den darauffolgenden 20 Jahren hat Stadel so viel Aufmerksamkeit bekommen, dass ich fast neidisch wurde. Hoflabor ist ganzjährig gut gefüllt und seine Bewohner*innen wechseln ca. alle 4 Monate. Mittlerweile ist der Stadel ein wichtiger Treffpunkt für Jung und Alt, Städter*innen und Ländler*innen.

In den letzten Jahren hat sich auch Helene und Pepis Tochter, Franziska, die die Hoflabore super findet und sehr viel Zeit dort verbringt, näher mit dem Art von Haus beschäftigt und hat erzählt das einige Bauer*innen im Lesachtal das Projekt von Helene und Pepi so faszinierend fanden, dass sie es selbst in einem ihrer leerstehenden Gebäude umsetzten. Pepi und Helene haben da echt was ganz Tolles erschaffen. Franziska hat eine „website“ auf ihrem Plastikbuch erstellt, auf der die Höfe gemeinsam auftreten und sich vernetzen, austauschen und organisieren können. Seit 6 Monaten ist die Homepage „Zukunftsland Hoflabor“ online und Franziska meinte, dass es so toll funktioniert und das durch dieses Netzwerk ein starker Wissensaustausch zwischen den einzelnen Bewohner*innen der Hoflabore im Lesachtal untereinander und der Einheimischen stattfindet.

Ich selbst profitiere auch von den Hoflaboren, da viele Familienangehörige und Freunde jemanden von den Hoflaboren besuchen und ich perfekt dafür geeignet bin. Deswegen bin ich nicht neidisch, sondern glücklich, denn durch diese Vernetzung der einzelnen leerstehenden Häuser, beherbergen nun alle meine Freund*innen wieder Menschen und wir fühlen uns endlich wieder nützlich. Keine*r von uns ist allein.



hoflabor.online

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