Das Hoflabor. Die Liebesgeschichte.

Mal bin ich kurz, mal lang. 
Manchmal ein Frühaufsteher.
Manchmal ein Spätaufsteher. 
An manchen Tagen bringe ich so viel weiter,
wie ich es nicht für möglich gehalten hätte. 
An anderen Tagen bringe ich nichts zustande.  
Über mich wird viel geredet.
Ab und zu bin ich sogar politisch. 
Meistens bin ich beschäftigt. 
Ich werde gehasst, geliebt, gefeiert. 
Ich bin ein Arbeitstag. 
Und da gibt es noch jemanden in meinem Leben. 
Die Freizeit. 

Eine Liebesgeschichte

Wenn ich mich zurück in die Vergangenheit versetze, 
fällt mir auf, dass ich mich verändert habe.
Früher, es muss mittlerweile fast 150 Jahre her sein,
waren meine Tage lang,
die Arbeit mit mir körperlich anstrengend.
Man war auf mich angewiesen,
es gab keinen sozialen Ausgleich für mein Fehlen.
Je nach Jahreszeit und Wetter wurde ich unterschiedlich eingesetzt.
Im Frühling, Sommer und Herbst 
meistens draußen auf dem Feld, im Wald, im Stall. 
Wenn die Sonne aufging, startete mein Tag. 
Mit mir wurde gepflügt, gekocht, gehackt,
geschraubt, gesägt, gesät, geerntet.
Auch nach Sonnenuntergang war mein Tag noch nicht vorbei,
es gab immer was zu tun.
Im Winter waren die Tage mit mir nicht kürzer, aber anstrengender.
Die Kälte und der Schnee machten es schwierig,
mich effektiv zu nutzen.
Unabdingbar war ich trotzdem. 
Mein Verhältnis zu Freizeit? 
Wir mochten uns nicht. 
Insgeheim wusste ich, dass ich ihr in jeglicher Hinsicht überlegen war. 
Das ging eine lange Zeit so, 
bis ich eine große Veränderung durchmachte.
Ich wurde auf Effektivität getrimmt.
Jahreszeiten, Tage, sogar Uhrzeiten spielten keine Rolle mehr.
Mit mir sollte Masse produziert werden.
Die Arbeit mit mir veränderte sich.
Prozesse wurden automatisiert.
Auch die ersten Gewerkschaften veränderten mich.
Meine Gefühle für die Freizeit: gemischt.
Später, als der Computer bereits erfunden war, 
lernte ich die Freizeit immer besser kennen.
Irgendwie fanden wir uns gegenseitig interessant, anziehend. 
Wir wurden Gspusis. 
Als dann irgendwann, 
ich glaube es war 2019,
der zwölf Stunden Tag eingeführt wurde,
zerstritten wir uns.
Beziehungsstatus: Es ist kompliziert. 
Der Grund? 
Ich würde mich in den Vordergrund drängen,
und der Freizeit keinen Raum zur Entfaltung lassen.
Jahrelang war unser Verhältnis angespannt.
Doch irgendwann entschied ich mich,
den Kontakt wieder aufzubauen.
Wir verbrachten immer mehr gemeinsame Zeit miteinander.
Und dann passierte es.
Wir, die Freizeit und ich,
die einst in großer Konkurrenz lebten,
manche sagten uns sogar Feindschaft nach,
verliebten uns. 
Heute sind wir unzertrennlich. 
Wir verbringen fast jeden Tag zusammen,
sind eine Einheit geworden.
Manchmal werden wir sogar dafür kritisiert,
dass wir kaum noch zu unterscheiden seien.
Uns ist das egal, nächstes Jahr wollen wir Heiraten. 

hoflabor.online

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