Das Fadental

Beim Einschlagen in die Gailtal Straße im Lesachtal, 
fällt mir das Fädengewirr am Straßenrand auf.
Ich stehe auf und steige aus dem Auto aus.
Fäden am Rande der Straße? 
Große dicke Verbindungsfäden.
Sie scheinen, hoch oben hinterm Berg zu enden.

Ich sehe, dass aus dem Knäuel verschiedene Fäden abgehen.
In viele verschiedene Richtungen.
Ich folge dem roten Faden.
Rot spricht mich an.
Er endet für meine Augen hinterm Berg.
Ich steige ins Auto, fahre weiter 
und versuche, zu verstehen,
wohin der Faden führt.

Ich habe eh noch etwas Zeit.
Die Straße führt mich tiefer ins Tal und höher in die Berge.
Auf dem Weg fallen mir immer mehr Fäden auf,
die dick und dünn sind
und alle erdenklichen Farben haben.

Was die Farben wohl zu bedeuten haben?
Ich folge dem roten Faden weiter.
Er führt mich tiefer ins Tal.
Beim genaueren Hinsehen, sehe ich, 
dass vieles an solch einem Faden hängt
und es ist fast unmöglich, auszumachen,
welcher in welche Richtung führt.

Ich entdecke einen Faden,
der um eine Lerche gewickelt ist
und von dort weiter Richtung Norden zu verlaufen scheint.

Ich gehe ein paar Schritte.
Stolpere.
Falle hin.
Ein Faden hat sich um meinen Fuß gewickelt. 
Ich ziehe daran, aber kann mich nicht losmachen. 

Ich schaue woher dieser stammt.
Er scheint, tief aus dem Boden zu kommen.
Ich ziehe und ziehe, aber komme nicht los.
Ich versuche aufzustehen und merke es geht ohne Probleme.

Ich selbst hänge auch an solch einem Faden quer durchs Tal.
Ich steige wieder ein. 
Die Straße windet sich eng am Berg.
Ich komme an einem Dorf vorbei.
Große Höfe und Stadl. Holz, Stein und Blechdächer.
Ich überlege, im nächsten Ort Rast zu machen. 
In St. Lorenzen steige ich aus dem Auto aus.
Ein schmaler Kirchturm hebt sich von den umliegenden Gebäuden ab.
Ich gehe die Hauptstraße entlang.

Erst denke ich, der Ort sei menschenleer.
Merke dann, dass er doch lebendig ist.
Vor einem Haus spielen zwei Kinder.
An der Ecke steht ein älterer Herr
und weiter oben spaziert eine Gruppe.
Beim genaueren Hinsehen fällt mir auf,
dass auch aus den Häusern Fäden spannen,
die sich hoch oben treffen
und von dort in alle Richtungen verlaufen.
Ich überlege, dass sich auch vieles im Inneren abspielen muss. 
Ich setze mich auf eine Bank, von der es einen Ausblick gibt.
Die umliegenden Berge erheben sich mächtig rundherum.
Ich esse mein Sandwich.
Von hier versuche ich, den Faden auszumachen, 
dem ich eigentlich folgen wollte.

Er hängt tief.
Ich stehe auf und versuche ihn anzufassen.
Er ist etwas glibschig aber macht einen stabilen Eindruck.
Ich überlege, wie es wohl wäre sich einfach daran zu hängen.
Impulsartig fasse ich mit beiden Hände um den Faden und springe auf.

Ich schwinge übers Tal.
Sehe Felder.
Höfe.
Kulturlandschaft.
Kirchen.
Menschen.
Und sogar noch etwas Schnee.

2, 3, 4 Sekunden.
Ich verliere mich in Gedanken
und komme erst wieder zu mir,
als ich jäh aufschlage.

Etwas hat meinen Aufprall abgefedert.

Ein Mensch liegt da. 
Ich entschuldige mich, es sei alles in Ordnung, so der andere.
Wo wir hier seien, frage ich.
In Obertilliach antwortet der andere.
Der Faden, von dem ich gekommen sei, stamme aus Kötschach, fügt er hinzu.
Es gäbe auch weitere, die noch weiter wegführen,
nach Klagenfurt, Wien, Leibach, München, in die Nachbartäler, nach Mailand, Venedig.
Es solle sogar auch solche geben, 
die bis nach Brüssel gehen
und von dort noch weiter in die Welt hinaus.
Sie verbinden Fassbares, Materielles
und Ideen, Menschen und Dinge, Orte und Erinnerungen.

Die Mühlen in Maria Luggau hängen an solch einem Faden,
die Kulturhalle in Liesing, der kleine Winterwonder Spaßhügel in Obergail,
die Milchkuh, das Huhn, der Kräutergarten und der Wanderweg.

Aber vor allem verbinden sie Menschen,
Bäuer*innen, Gastwirt*innen, Tischler*innen,
Philosoph*innen, Junge, Alte, Schöne.
Ich bedanke mich für das Gespräch 
und die Hilfe und frage wie ich zurückkommen kann.
Er sagt, es sei kein Problem und begleitet mich.
Ich hatte das Tal verschlossener in Erinnerung. 
Die vielen Fäden geben mir jedoch die Idee
von Verbundenheit nach Außen, eine Offenheit.
Ich kehre zurück aus dem Lesachtal
mit einem Gefühl tiefer Verbundenheit.
Als ich daheim ankomme, steige ich aus und schließe die Tür.
Da bleibe ich kurz hängen.
Der Faden an meinem Fuß hat sich in der Tür eingeklemmt.
 Ich werde ab jetzt damit leben. 

Das Lesachtal von oben, Quelle: Google Maps 2019

 

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