OHA!

Unterwegs mit dem Lesachtaler Bildungszug: Tag 1

Start: 5. Juni 2025 Wien – Lesachtal Abfahrt in Wien: 7.00 Uhr
  Bahnsteig 7  

Es ist noch früh am Morgen, als in der großen Wiener Zugbahnhofshalle die ersten Züge erwachen und sich schwermütig in Bewegung setzen. Unter ihnen auch der kleine Lesachtaler Bildungszug.

Der kunterbunte Zug streckt sich nach einer kurzen Nacht und reiht sich langsam hinter den vielen anderen Personenzüge ein. Nur mit Mühe schafft es der kleine Zug, rechtzeitig an dem ihm zugewiesenen Bahnsteig zu gelangen.

Es ist 6.45 Uhr, als er schließlich in den Bahnhof einfährt und am Bahnsteig 7 zum Stehen kommt.

Die ersten Passagier*innen warten bereits, und der Bildungszug öffnet aufgeregt seine Türen. Seine Mitreisenden heute, eine vierte Klasse der Wiener Grundschule Sievering, einige Studierende, die Mitarbeiter*innen der Abteilung  für  Innovation im Flugverkehr sowie die Mitglieder des Berliner Beaming-Clubs.

Mit der Zeit trudeln die Passagier*innen ein und lassen sich in den beinahe überdimensionalen, komfortablen Sitzen nieder. Einige Minuten vor der Abreise erklingt durch die Lautsprecher eine letzte Durchsage und die letzten Mitreisenden huschen in den Zug.

Pünktlich um 7.00 Uhr schließen die automatisierten Türen und unter lautem Getöse wird die abenteuerliche Reise eingeleitet.

Innerhalb weniger Stunden offenbart sich den Passagier*innen – durch die großen Panoramafenster – die idyllische Landschaft des Lesachtals. Begleitet von einem lauten Pfeifen ertönt die charmante Stimme der Schaffnerin Maria Propst in den Abteilen des Bildungszuges und empfängt die Reisenden im Lesachtaler Bildungstal.

„Herzlich Willkommen auf der einzigartigen Bildungsreise *Land(Er)leben*!“

Nach nur wenigen Minuten: der erste Stopp bei der Werkstatt von Sandra Hofer. Die Türen öffnen sich und die Passagier*innen strömen aus der Bahn zur Energiebeauftragten der Ostalpen. Sandra Hofer öffnet die kleinen Tore der Werkstatt und ein lautes *OHA!* geht durch die Menge.

Vor ihnen erstrahlt eine riesige Ideenwerkstätte. Mit einem freundlichen Lächeln begrüßt Sandra Hofer die Menschen in ihrer außergewöhnlichen und dennoch schlicht erscheinenden Produktionsstätte, mit der sie die gesamten Ostalpen mit Strom versorgt.

Gut kann sie sich noch an die Zeit erinnern, als ihre Vision von energieautarken Ostalpen als Hirngespinst einer Träumerin galt und durch Grenzen jeglicher Art ein Ding der Unmöglichkeit schien. Heute zählt sie zu den wichtigsten zukunftsweisenden Frauen weltweit.

Nach einer kurzen Einführung geht es für die Besucher*innen ans Eingemachte. Mit hochgekrempelten Ärmeln dürfen Alt und Jung gemeinsam Hand anlegen und selbst Energie für das Lesachtal produzieren. Im Laufe des Workshops kann man spüren, wie das Interesse in der Menge wächst. Das Wissensfeuer ist entfacht.

Nach einer spannenden Ideensammlung zur Energiegewinnung huschen die Besucher zurück zur Bahn und die Wissensfahrt geht weiter – zu den Bierbrauern Tina und Michael.

Frau Tina und Herr Michael brauen das berühmte und erste alpine Heubier. Unter dem Slogan *Learning By Doing* empfangen die Visionär*innen die Reisenden mit einer aus Heu geflochtenen Flasche und einem Bier, das so noch nie gebraut wurde.

Nach einer kurzen Verkostung wird mittels der Geschmacksknospen der Teilnehmer*innen eine Analyse des Produkts vorgenommen. Aufgeteilt in kleine Teams erhalten den wissenshungrigen Passagier*innen die Aufgabe: *Braue dein eignes Bier*. Ausgerüstet mit einem Korb voller Rohprodukte haben die zusammengewürfelten Teams Zeit, das Rezept des zuvor verkosteten Bieres zu erarbeiten. Auf einer interaktiven *OHA!-Wand* werden die einzelnen Rezepte in einen simulierten Brauvorgang eingespeist. Dadurch können die Teams sehen, ob sie mit ihrem Rezept auf dem richtigen Weg sind und sich Tipps holen. Das Abenteuer Bier endet mit der Produktion eines Bieres nach dem eigenen Rezept.  

Es ist bereits 14.00 Uhr. Während das Bier seinen Prozess durchläuft, geht es für die Besucher_Innen zurück zum Bildungszug. Nach nur einigen Minuten ertönt die Stimme der Schaffnerin: „Nächster Halt: Grasmanufaktur!“

Neugierig springen die Reisenden aus dem Zug und auf die Grasmanufaktur zu. In der Manufaktur dann das nächste *OHA*-Erlebnis. Hier werden unter Anderem die Bierflaschen aus Heu in einem der vielen Ateliers hergestellt.

Gras in seinen unterschiedlichen Formen als recyclebares Element wird Materialien wie Kunststoff und Glas entgegengesetzt. Nach einer kurzen Führung durch die Anlage wird schnell klar: Hier heißt es lernen von und mit der Natur. Die Manufaktur bildet ein Netzwerk zwischen Natur und Landwirt*innen sowie zwischen Nachhaltigkeit und Konsumwelt.

Dreh- und Angelpunkt des Unternehmens bildet die Visionswerkstatt. Wie bei einer Maschine bilden Wissenschaftler*innen mit Menschen jeglichen Hintergrundes und Alters zusammen die Zahnräder und arbeiten an Visionen– bis hin zum fertigen Produkt. Durch ein virtuelles Klassenzimmer können sich Personen zuschalten und durch eine*n Avatar*in physisch vor Ort arbeiten. Dadurch erfahren die Ideen, Visionen und Produkte der Anderen sowie die eigenen eine stetige Weiterentwicklung. Patente und Anspruch auf Eigentum der Projekte beziehungsweise Produkte gibt es nicht. Dadurch rückt das Prinzip des Monopols in Vergessenheit und die Güter entstehen durch die Allgemeinheit, für die Allgemeinheit.

Auch die mobilen Klassenzimmer der Kreativköpfe docken an die einzelnen Betriebe, Manufakturen, Ideenwerkstätten und Visionsateliers an. So lernen die Schüler*innen, geben aber auch ihr Wissen an den Besucher*innen und Arbeitende weiter. Das mobile Klassenzimmer ist Teil der rollenden Schule, die mit dem Bildungszug das Bildungstal Lesachtal in die Welt hinausträgt.  

Es ist 18.00 Uhr, als die Passagier*innen sich, müde von den vielen Endrücken, Erlebnissen und dem lodernden Wissensfeuer, vorerst ein letztes Mal in die komfortablen Sessel des Bildungszuges fallen lassen. Der Zug setzt sich in Bewegung und aus den Lautsprechern ertönt noch einmal Maria Propst Stimme:

„Letzter Halt! Hof Familie Elias Flocke! Bitte alle aussteigen! Danke, dass ihr euch mit uns auf eine Reise durchs Bildungstal gemacht habt! Wir freuen uns auf die morgige Weiterreise!“

Der Hof ist kein gewöhnlicher Bauernhof, sondern eine *Patchwork-Work-Studien-Gemeinschaft*. Unter dem Motto *Leben Neu Gedacht* formiert sich ein Zuhause für Studierende, Gelehrte, Handwerker*innen, Kinder, Jugendliche, Mamas und Papas, Omas und Opas sowie Aussteiger*innen. Durch das einzigartige Konzept entsteht ein vielfältiger Pool an Ideen, die gesät werden, durch die Gemeinschaft gedeihen und sich zu konkreten Projekten weiterentwickeln.

Nach einem spannenden ersten Tag gibt es für die Besucher*innen gegen 22.00 Uhr den vorerst letzten *OHA!*-Moment des heutigen Tages.

Bei einem gemeinsamen SlowFood-Abendessen werden die Erlebnisse des Bildungsreise-Tages anhand von selbst erdachten Zukunftsgeschichten und Visionen rekapituliert und gesammelt. Diese Geschichten und Visionen werden dann in den nächsten Tagen weiterentwickelt und wer weiß, vielleicht entsteht eine Innovation, die weit über die Grenzen von Lesachtal und Wien hinausgeht.

Durch die vielen und prägenden *OHA!*-Momente wird der kleine bunte Zug von den Lernenden zum *OHA! Bildungszug* unbenannt.

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